Den ängstlichen Hund besser verstehen

schwarzer Hund mit besorgtem Blick, versteckt unter einer Decke

Wenn wir über ängstliche Hunde sprechen, ist es wichtig, die verschiedenen Formen der Angst zu verstehen. Diese umfassen Angst, Furcht und Phobien, die sich jeweils in unterschiedlichen Situationen und Intensitäten manifestieren.

Angst

Angst ist ein Gefühl der Besorgnis über eine erwartete, zukünftige Bedrohung. Es ist das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren könnte.

Furcht

Furcht tritt auf, wenn eine tatsächliche Bedrohung in der Gegenwart vorhanden ist. Dies ist eine instinktive Reaktion auf spezifische Gefahren, wie z.B. Feuer.

Phobie

Phobien sind starke, unverhältnismäßige Angstreaktionen, die plötzlich und intensiv auftreten, unabhängig von der tatsächlichen Bedrohung.

Ursachen für Angst bei Hunden

Genetik

Die genetische Veranlagung spielt eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Angst bei Hunden. Wenn die Mutterhündin oder der Rüde Ängste oder Stressoren hatten oder die Trächtigkeit besonders stressig war, kann sich das auf die Welpen auswirken. Diese genetische Disposition kann durch die Selektion bestimmter Verhaltensmerkmale über Generationen hinweg verstärkt werden.

Mangelnde Sozialisierung

Hunde, die in den kritischen Phasen ihrer Entwicklung nicht ausreichend sozialisiert wurden, können Ängste entwickeln. Eine mangelnde Exposition gegenüber verschiedenen Menschen, Tieren und Umgebungen kann dazu führen, dass der Hund in ungewohnten Situationen ängstlich reagiert.

Misshandlung

Misshandelte Hunde entwickeln häufig tiefe Ängste. Negative Erfahrungen mit Menschen oder anderen Tieren können zu einer anhaltenden Furcht führen, die schwer zu überwinden ist. Diese Hunde benötigen viel Geduld und Verständnis, um Vertrauen wieder aufzubauen.

Traumatische Erfahrungen

Ein einzelnes traumatisches Erlebnis, wie ein plötzlicher Knall, ein freilaufender Hund, der aggressiv auf deinen Hund losgeht, oder eine traumatische Trennungserfahrung, kann bei einem Hund starke Angstreaktionen auslösen. Diese Erinnerungen können lange nach dem Ereignis bestehen bleiben und in ähnlichen Situationen erneut auftreten.

Erlernte oder assoziierte Ängste

Hunde können durch Konditionierung Angst entwickeln. Wenn dein Hund beispielsweise jedes Mal, wenn er ein bestimmtes Geräusch hört, Schmerz oder Unbehagen erfährt, beginnt er, dieses Geräusch mit Angst zu assoziieren. Auch optische Aspekte spielen eine Rolle: Sieht dein Hund etwas, das er mit einer negativen Erfahrung verbindet, kann dies ebenfalls Angst auslösen.

Schmerz/Krankheit

Schmerzen oder Krankheiten können ebenfalls Angst auslösen oder verschlimmern. Ein Hund, der körperliche Beschwerden hat, ist oft ängstlicher und kann auf Situationen überempfindlich reagieren, die ihm vorher keine Angst gemacht haben.

Das Gesicht der Angst

Es ist wichtig, die Körpersprache deines Hundes zu kennen, um Angst erkennen zu können. Ängstliche Hunde zeigen ihre Angst durch verschiedene hörbare, sichtbare und subtile Anzeichen. Diese zu erkennen kann helfen, die emotionale Verfassung deines Hundes einzuschätzen und ihm angemessen zu helfen.

Hörbare Anzeichen

  • Jaulen
  • Winseln
  • Knurren
  • Bellen
  • Heulen
  • Kläffen
  • Schreien

Sichtbare Anzeichen

  • erweiterte Pupillen
  • angespannte Muskeln
  • Piloarrektion (Aufstellen der Haare)
  • Zittern / Zähneklappern
  • Auf- und Ablaufen
  • starke Speichelproduktion oder verringertes Speicheln
  • schnelles oder sehr langsames Blinzeln
  • Gähnen

Subtile Anzeichen

  • Whale eye (das Weiß in den Augen wird sichtbarer)
  • Schweißpfoten
  • Fellausfall oder Schuppen
  • „klammern“/lehnt sich an seinen Menschen
  • Unruhe, „Hyperaktivität“
  • Körperhaltung (geduckt, nach hinten verlagert)
  • ständiges Umschauen / wachsames Beobachten der Umgebung
  • flache Atmung oder Keuchen
  • Schütteln
  • sehr langsame Bewegungen

Im Extremfall

  • Analbeutelentleerung
  • Verlust der Kontrolle über Blase oder Schließmuskel
  • Sich übergeben

„Hunde die ständig ängstlich sind, können repetitives Verhalten, wie zB. Lecken der Pfoten oder das Kauen an Körperteilen, entwickeln. Hier unterscheidet man zwischen „Stereotypie“ und „Zwangsstörung“. Bei einer Zwangsstörung ist das Verhalten ritualisiert, chronisch & schwer zu unterbrechen.“

– wenn das bei euch der Fall ist such dir umbedingt Hilfe
bei einem oder einer* bedürfnisorientierten Trainer*in

Die 4F’s – Fight, Flight, Fiddle, Freeze

Die 4F’s solltest du eigentlich bei Umgang mit jedem Hund kennen, aber ganz besonders bei ängstlichen Hunden. Sie beschreiben die verschiedenen Verhaltensweisen, die Hunde in stressigen Situationen zeigen:

Fight (Kampfreaktion): Hier wird durch „Vertreiben“ und nach vorne gehen versucht die Distanz zum Auslöser zu vergrößern.

Flight (Fluchtreaktion): Hier versucht der Hund durch Flucht aus der Stresssituation zu gelangen.

Fiddle (Beschwichtigungsverhalten): Der Hund zeigt übertriebenes Spielverhalten, das oft als Clownerei interpretiert wird. Es kann auch Gähnen, Kratzen, Schütteln oder Aufreiten umfassen und ist eine Übersprungsreaktion auf Überforderung. Fiddle, das normalerweise ein Beschwichtigungsverhalten ist, tritt bei starken Ängsten oder Furcht oft nicht mehr auf.

Freeze (Erstarren): Der Hund verharrt in einer Position und wirkt abwesend. Dies ist ein Zeichen eines inneren Konflikts zwischen Angriff und Flucht und kann in einem plötzlichen Flucht- oder Schnappverhalten übergehen.

Diese Reaktionen sind instinktiv und werden unbewusst angewendet. Die Wahl der Reaktion hängt von den bisherigen Erfahrungen des Hundes ab und verläuft automatisch, ohne bewusstes Denken.

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Calming Signals

Calming Signals sind körpersprachliche Zeichen, die Hunde verwenden, um Stress abzubauen und sich selbst oder andere zu beruhigen.

Gähnen:
Hunde gähnen oft, um sich selbst zu beruhigen oder anderen zu signalisieren, dass sie keine Bedrohung darstellen.

Lefzen lecken:
Das Lecken der Lefzen ist ein weiteres Signal, das Hunde nutzen, um Stress abzubauen oder ihr Gegenüber zu beruhigen.

Sich abwenden, wegschauen:
Ein Hund, der seinen Blick abwendet oder sich umdreht, versucht, eine stressige Situation zu entschärfen.

Kratzen & Schnüffeln:
Diese Übersprungshandlungen können darauf hinweisen, dass der Hund sich unwohl fühlt und versucht aus dieser Situation zu kommen.

Umso besser du die Körpersprache und Stressanzeichen von deinem Hund erkennst um so besser kannst du ihn aus der Angst raus begleiten. Denk daran, nicht jedes Gähnen bedeutet automatisch Stressabbau – manchmal gähnen Hunde einfach nur, weil sie müde sind oder entspannen möchten. Es ist wichtig, immer den gesamten Kontext der Situation zu betrachten, um die Signale deines Hundes richtig zu interpretieren.

Die menschliche Körpersprache bei ängstlichen Hunden

Den Hund entscheiden lassen

Lass den Hund auf dich zukommen und achte darauf, dass Fluchtwege immer offen bleiben. Wenn der Hund selbst entscheidet, auf dich zuzugehen, fühlt er sich sicherer und weniger bedroht.

Zur Seite drehen

Eine frontale Körpersprache kann einschüchternd wirken. Dreh dich leicht zur Seite, um deinem Hund zu signalisieren, dass keine Bedrohung besteht. Ein leichter seitlicher Blick ist hier besser als ein frontales Starren.

Den blick immer wieder abwenden

Direktes Anstarren kann auf Hunde sehr bedrohlich wirken, besonders bei Kindern ist das wichtig zu beachten. Das Vermeiden von direktem Blickkontakt kann helfen, seine Angst zu reduzieren.

Aufrecht bleiben

Lehne dich nicht über den Hund, das wirkt auf Hunde bedrohlich. Bleib aufrecht oder geh in die Hocke, um weniger einschüchternd zu wirken. Dies schafft eine entspanntere Atmosphäre für deinen Hund.

Schön langsam

Vermeide schnelle, direkte Bewegungen, da diese schwer einzuschätzen sind und den Hund nervös machen können. Langsame und ruhige Bewegungen vermitteln Sicherheit, so kann dein Hunde gelassener bleiben.

Futter

Viele Hunde nehmen in stressigen Situationen, in denen sie große Angst haben, kein Futter mehr an. In solchen Momenten ist das Lernen für sie kaum möglich, da sie bereits in der Angstreaktion gefangen sind. Hier ist es wichtig, dass ihr als Team wieder in den Bereich kommt in dem der Hund lernen kann, hier ist es auch wichtig sich professionelle Hilfe zu holen, damit du lernst wie du deinen Hund da wieder raus holen kannst.

Wenn du Futter einsetzt achte darauf, keinen inneren Konflikt beim Hund zu erzeugen und ihn nicht durch Futter in Situationen oder zu Menschen zu locken, vor denen er Angst hat. Es ist besser das Futter auf eine sichere Distanz zum Angstauslöser zu werfen und sich kleinschrittig – im Tempo des Hundes – vorzuarbeiten. Dabei ist es auch wichtig, nicht nur darauf zu zugehen, sondern auch immer wieder die Situation aufzulösen und Pausen zu machen, damit dein Hund durchatmen kann.

Wie du deinem Hund aus der Angst helfen kannst

Kontrolle / Schutz

  • Sensibilisiere dich auf die Angstauslöser deines Hundes und versuche, sie zu minimieren oder die Situationen so zu gestalten, dass sie für deinen Hund schaffbar sind
  • Schaffe feste Routinen und reduziere Stressoren in seiner Umgebung
  • baue eine Ruhezone auf, wo sich dein Hund zurückziehen kann und schütze ihn vor unerwarteten Reizen

Körperliches Wohlbefinden

  • Achte auf eine ausgewogene Ernährung, die die Gesundheit und das Wohlbefinden deines Hundes unterstützt
  • Finde passende Spaziergänge und Beschäftigungen, die das Selbstbewusstsein deines Hundes stärken
  • Sorge für geistige Auslastung durch Spiele und Trainingseinheiten
  • kläre eventuelle Schmerzen oder gesundheitliche Probleme ab

Orientierung

  • gib deinem Hund Orientierung und schaffe Erwartungssicherheit durch konstante Handlungen und eine klare Kommunikation
  • biete deinem Hund in stressigen Situationen Sicherheit und Beistand

Training

  • arbeite mit deinem Hund bedürfnisorientiert und verzichte auf körperliche oder psychische Gewalt
  • Finde die richtige Hilfe, falls nötig, und gestalte das Training so, dass es deinem Hund und dir Spaß macht und sein Selbstbewusstsein steigert
  • Arbeite an der Desensibilisierung im Tempo deines Hundes, um ihm zu helfen, seine Ängste zu überwinden
  • Wenn du Futter nutzt, achte darauf keinen inneren Konflikt bei deinem Hund auszulösen

Indem du dich auf diese Grundlagen konzentrierst, kannst du deinem Hund helfen, seine Angst zu überwinden und ein glücklicheres Leben zu führen. Entspannung verstärken durch positive Verstärkung und konsequentes Training ist dabei entscheidend.

„Wenn die Umwelt zu viel wird ist es wichtig aus eurem Zuhause einen Ort der Sicherheit zu schaffen und in den eigenen 4-Wänden die Entspannung zu verstärken. Ist der Körper entspannt, folgen auch der Geist und die Emotionen.“


Fazit:

Der Umgang mit einem ängstlichen Hund erfordert Geduld und Verständnis. Indem du die Ursachen und Anzeichen von Angst erkennst, kannst du deinem Hund gezielt helfen. Die 4F’s und Calming Signals bieten dir wichtige Hinweise, wie es deinem Hund geht und schaffen ein noch besseres Verständnis für die Angst- & Stressreaktionen.

Deine eigene Körpersprache spielt ebenfalls eine große Rolle. Gib deinem Hund Freiraum und vermeide bedrohliche Gesten. Schaffe eine sichere Umgebung, fördere das körperliche Wohlbefinden und setze auf bedürfnisorientiertes Training.


Jeder Hund ist einzigartig und braucht sein eigenes Tempo. Mit liebevoller und konstanter Unterstützung kannst du deinem Hund helfen, seine Ängste zu überwinden und ein glücklicheres Leben zu führen.

Wenn du Unterstützung bei diesem Thema brauchst melde dich gerne bei mir 🙂


Harmonie beginnt mit Empathie 

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